Die Geschichte Bünzwangens

Von der Ersterwähnung 1353 bis heute

Die Dorfstatistik reicht weit zurück, und sie erzählt die Geschichte des Ortes fast von
allein. 1568 lebten hier keine 150 Menschen. Dann kam der Dreißigjährige
Krieg: 1633 zählte Bünzwangen 28 Bürger, im September 1637 noch acht. Ein halbes Jahrhundert später,
1682, zählte man wieder 20 Selbständige, 1770 fast 200,
1827 dann 357.

Drei Jahre ohne ein einziges Kind. Das Bünzwanger Taufregister beginnt
1585 und läuft durch die Kriegsjahre hindurch. Zwischen den Einträgen von 1633 und 1639
steht am Kopf einer Seite eine Notiz des Pfarrers – kein Eintrag, sondern eine
Erklärung, warum keine folgen:

„A[nn]o 1636. et A[nn]o 1637, ist, weilen der jam[m]er wegen des Kriegs groß
gewesen, und der ein[e] den andern nicht [gekannt], kein Kind (leider Gott erbarm!) –
auch der pfarrer selber ist zu … – … 1638 ist kein[s] getaufft worden.“

In normalen Jahren taufte das Dorf sechs bis zehn Kinder. Von 1634 bis 1638
waren es zusammen zwölf, und in den Jahren 1636, 1637 und 1638 kein einziges.
Erst 1639 geht es weiter, mit einem neuen Pfarrer und einer einzelnen Taufe;
1640 sind es vier. Auch der alte Pfarrer war nicht mehr da.

Ein Dorf, in dem drei Jahre lang kein Kind getauft wird, ist kein Dorf mehr. Und noch etwas steht zwischen den Zeilen: Nach dem Neuanfang kommen die Taufpaten aus Ebersbach. Bünzwangen konnte sie nicht mehr aus den eigenen Reihen stellen.

Die Erhebung vom 7. September 1637

Die Angabe geht auf eine amtliche Erhebung zurück, die die Oberamtsbeschreibung Göppingen von 1844 auf Seite 102 abdruckt:

Am 7. Sept. 1637 war der Stand in den alten Amtsorten folgender:
Die Zahl der anwesenden Bürger betrug

Ort1633Sept. 1637noch angebaut
Bünzwangen28816 Jauchert
Schlierbach961856 Jauchert
Albershausen7086 Jauchert
Ebersbach28054120 Jauchert
alle 17 Amtsorte2093392 

Die Erhebung zählt Bürger, nicht Menschen. Ein
Bürger war ein Haushaltsvorstand mit Bürgerrecht; Frauen, Kinder, Knechte, Mägde, Witwen und
Altenteiler stehen nicht in der Liste. Acht Bürger sind acht Haushalte. Wie
viele Menschen das waren, sagt die Erhebung nicht. Rechnet man wie üblich mit vier bis fünf
Personen je Haushalt, wären es 1633 rund 130 Einwohner gewesen und 1637 vielleicht noch
fünfunddreißig – aber das ist geschätzt und keine Quelle.

Von der Bünzwanger Markung waren im
September 1637 noch 16 Jauchert bestellt – nach württembergischem Maß
etwa fünf Hektar. Was das bedeutet, zeigt der Vergleich in derselben Liste: Gruibingen
brachte mit 46 Bürgern 248 Jauchert unter den Pflug, Heiningen mit 40 Bürgern 190. Das ist
kein Dorfbetrieb mehr, das ist Selbstversorgung am Rand.

Dieselben Seiten geben die Berichte der Amtleute wieder, die der Erhebung vorausgingen:

Am 16. Jan. 1636 sagt der Keller: seine von Einquartierung fast erdrückten
Gültleute sterben Hungers oder entlaufen von Haus und Hof; und 16. Merz
1636: Stadt und Amt sey vor allen andern Gegenden am meisten und so sehr ruinirt, daß in
mehreren Orten keine Leute mehr wohnen … Der Untervogt berichtet
3. April 1637, daß die Erbschaften nicht angetreten und die dem Verkauf ausgesetzten Güter
von Niemand begehrt werden.

Im ganzen Oberamt sank die Zahl der Bürger von 2093 auf 392. „Der größte Theil der
Fehlenden war in Kummer und Elend gestorben, nur der kleinere weggezogen. Die noch
Anwesenden waren allermeist krank.“ Angefangen hatte es drei Jahre zuvor:
Am 7. September 1634, zwei Tage nach der Schlacht bei Nördlingen, lagerte
die gesamte kaiserliche, bayerische und spanische Armee in und um Göppingen.

Die Bücher der Mutterpfarrei Schlierbach

Das Bünzwanger Buch wurde 1660 abgeschrieben – die fehlenden Jahre könnten also auch beschädigte Stellen der Vorlage sein. Bünzwangen war bis 1748 nach Schlierbach eingepfarrt; die dortigen Bücher entscheiden die Frage.

Das Schlierbacher Taufregister zeigt dasselbe Bild. Es beginnt mit einer
Vorrede desselben Pfarrers Löw, und darin steht, was das Bünzwanger Buch nur andeutet:
Sein Vorgänger, Pfarrer Hans Georg Mayer, habe „etliche Jahr die Pfarr nit bezogen“
– er war schlicht nicht da. Und die Jahre selbst: In der ganzen Pfarrei –
Schlierbach und Bünzwangen zusammen, vor dem Krieg an die vierhundert Menschen –
wurden von 1636 bis 1640 drei Kinder getauft. 1637 keines; statt Einträgen
steht auch dort eine Notiz des Pfarrers.

Das Eheregister aber lief weiter – fortlaufend geführt, ohne Lücke,
in wechselnden Handschriften. Es zeigt denselben Einbruch, auf dieselben Jahre datiert:

JahrEhen in der Pfarrei
1633–16366 bis 7 im Jahr
1637–16407 in vier Jahren
1641wieder 7

Und es nennt Bünzwangen weiter. Am 8. November 1639 wurde in Bünzwangen
getraut
, ebenso am 17. November und 1641 wieder. Das Dorf war also nicht leer
– es war auf acht Haushalte zusammengeschmolzen. Auffällig ist ein Wort, das in diesen
Jahren immer wiederkehrt: relictus, relicta, vidua –
hinterlassener Sohn, hinterlassene Tochter, Witwe. Wer nach 1638 heiratete, hatte jemanden
verloren.

Eine dieser Hochzeiten lässt sich weit verfolgen. Am 8. November 1639 heiratete Michel Grünenwald, Bürger und Weber zu Bünzwangen, die Witwe des Hans Schiegele – ein Name, der seit der allerersten Seite des Taufbuchs von 1585 im Dorf steht.

Für beide war es die zweite Ehe. Das Taufregister zeigt, dass Michel Grünenwald mit einer ersten Frau namens Maria schon 1627, 1629, 1631 und 1632 Kinder hatte; danach verliert sich ihre Spur. Zwei Menschen, die jeder für sich alles verloren hatten, fingen 1639 noch einmal an. Seine Frau Ursula ist danach Patin bei der Hälfte aller Taufen des Neuanfangs, 1640 bekommen die beiden einen Sohn, 1651 einen weiteren. Und zweihundert Jahre später wird in Bünzwangen Jakob Grünenwald geboren, der Maler – als Sohn eines Webers.

Die Taufen von 1585 bis 1674

Das Bünzwanger Taufregister trägt am Rand eine laufende Nummer, die sich
durch den ganzen Band zieht: Nr. 1 ist die erste Taufe von 1585. Damit lässt sich der
Verlauf für den ganzen Band bestimmen: Die Nummer, bei der ein Jahr beginnt, und die des nächsten – die Differenz ist die Zahl der Taufen.

So sah Bünzwangen aus, von 1585 bis 1674:

1585–1589 6,0
1590–1599 7,2
1600–1609 8,4
1610–1619 8,5
1620–1629 9,5 Höchststand
1630–1639 4,2 der Absturz
1640–1649 4,3
1650–1659 3,3 Tiefpunkt
1660–1669 3,9
1670–1674 6,8 Erholung

Taufen je Jahr, nach Jahrzehnten. Die erste und die letzte Zeile umfassen fünf Jahre.

Vor dem Krieg wuchs das Dorf, und zwar stetig: von sechs Taufen im Jahr
auf neuneinhalb, in einer Generation um mehr als die Hälfte. Dazu passen die
28 Bürger, die die Amtserhebung für 1633 nennt. Dann der Absturz – in
den 1630er Jahren mehr als die Hälfte weg, und mittendrin die drei Jahre
ohne eine einzige Taufe.

Der Krieg endete 1648 – der tiefste Punkt der Kurve aber steht in den 1650er Jahren. Fünfzehn Jahre nach dem Schlimmsten war das Dorf noch weiter unten als während des Krieges selbst. Die Kinder, die zwischen 1635 und 1645 nicht geboren wurden, fehlten zwanzig Jahre später als Eltern. Was die Kurve an dieser Stelle zeigt, ist nicht mehr der Krieg, sondern sein Nachhall.

Erst um 1670 geht es wieder aufwärts, auf etwa den Stand von 1585. Das
Niveau der 1620er Jahre erreicht Bünzwangen in diesem ganzen Zeitraum nicht wieder:
Vom Höchststand vor dem Krieg bis zur Erholung vergingen rund fünfzig Jahre,
zwei Generationen. Damit ordnet sich auch die alte Angabe ein, 1682 habe man
„wieder 20 Selbständige“ gezählt – gegenüber 28 Bürgern im Jahr 1633 wären
das nach einem halben Jahrhundert immer noch acht weniger.

Das Taufbuch ist nicht das Original. Am Fuß einer Seite von 1631 steht eine Notiz: Georg Bernhard Löw, Pfarrer zu Schlierbach, hat das Buch 1660 neu binden lassen und
„vernewert“, weil es „ethlichs unleserlich, theils gantz zerrissen gewesen“. Alles vor 1660
ist also abgeschrieben. Ob die Bemerkung zu den Kriegsjahren aus dem alten Buch stammt oder
ob Löw eine Lücke in seiner beschädigten Vorlage vorfand und sie erklärte, lässt sich
nicht entscheiden. Für die erste Möglichkeit spricht, dass sie einen Grund nennt, den nur kennen kann, wer die Jahre erlebt hat – und dass der Schlierbacher Bestand unabhängig dasselbe zeigt.

Ihm verdankt Bünzwangen seine älteste Quelle. Löw wurde
1628 in Kirchheim unter Teck geboren, studierte ab 1645 in Tübingen, wurde
1650 Magister und kam 1653 als Pfarrer nach Schlierbach – wohin
Bünzwangen damals eingepfarrt war. 1675 wechselte er nach Ohmden, wo er
1688 starb. Er war verheiratet mit Anna Maria Bab aus Kirchheim; die beiden hatten elf
Kinder.

Was er im Buch hinterlassen hat, passt auf das Jahr dazu: Am 16. März 1653
trägt er zum ersten Mal selbst eine Taufe ein. Am 19. August 1653 legt er
das Totenbuch an; dessen Titelblatt trägt seinen Namen in kalligraphischer Zierschrift. Und 1660 nimmt er sich das alte, zerfallene Taufbuch vor und schreibt es neu – „der lieben Posteritätt zu Dienst und Gefallen“, der Nachwelt zu Dienst und Gefallen.

Für die Kurve gilt derselbe Vorbehalt: Die laufenden Nummern hat Löw 1660 beim Neuordnen vergeben. Für die Zeit davor zeigt sie also, was 1660 noch vorhanden war. Dass der Einbruch der 1630er Jahre echt ist und nicht eine Lücke in seiner Vorlage, steht durch die Schlierbacher Gegenprobe und die Amtserhebung von 1637 aber fest.

1844 zählte die Oberamtsbeschreibung 460 Einwohner in 63 Haupt- und 26 Nebengebäuden – darunter genau ein Katholik.

Den Höchststand des 19. Jahrhunderts erreichte Bünzwangen 1858 mit
514 Einwohnern – darunter über 80 Schulkinder, die alle zusammen in einer
Einklassenschule unterrichtet wurden. Danach wanderten viele ab. 1939
waren es 499, 1945 durch Einheimische und Vertriebene 596 und
1950 bereits 763. 1984 hatte das Dorf 1722 Einwohner,
heute sind es rund 2.030.

Wie viele Menschen hier lebten

Vom Bauerndorf zum Weberdorf

Jahrhundertelang veränderte sich Bünzwangen kaum. Als im 18. Jahrhundert
die Landwirtschaft die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren konnte, blieb denen, die
nicht auswandern wollten, ein zweites Standbein: Sie wurden Leine- und
Barchentweber
. Die Webstühle standen in dürftigen Räumen der eigenen Wohnungen.
Aus dem Bauerndorf wurde ein Bauern- und Weberdorf.

Wie viele es waren, hält die Oberamtsbeschreibung von 1844 fest: Etwa 18 bis 20 Weber arbeiteten damals im Dorf „für die benachbarten Fabrikanten um den Lohn“. Die Landwirtschaft blieb daneben die Hauptnahrungsquelle – vor allem die Viehzucht und die Ochsenmastung; angebaut wurden viel Flachs und Hanf, und aus den vielen Kirschen im Ort wurde gebrannt.

Mit den Fabrikwebereien des 19. Jahrhunderts wurden aus den Heimwebern
Fabrikarbeiter, und wer in anderen Zweigen unterkam, pendelte aus. So wurde Bünzwangen zur
Arbeiterwohngemeinde. Wie gründlich sich das auf die Höfe auswirkte, zeigt ein Vergleich:
1939 gab es im Dorf gut sechzig landwirtschaftliche Betriebe – 20
Kleinstbauern mit ein bis drei Hektar, 25 Landwirte mit bis zu 7,5 Hektar und 16 Bauern mit
mehr. 1984 waren davon sieben übrig, darunter ein Aussiedlerhof und ein
Anwesen mit Großgeflügelhaltung.

Neben Weberei und Landwirtschaft gab es im Dorf auch Handwerk. Die erste und einzige
Huf- und Wagenschmiede eröffnete 1801 Gottlieb Dannenmann
aus Hohenstaufen; sie bestand bis weit ins 20. Jahrhundert.

Wie sehr das Vieh den Ort prägte, zeigt ein Vorgang aus dem Jahr
1792.
Die Gemeinde bat den Herzog um die Erlaubnis, auf dem „Ochsen Wasen“ einen
Weideplatz von 33 Morgen – gut zehn Hektar – auszustocken und
zu Wiesen umzubrechen. Das Vorhaben war im Dorf umstritten; die Akte hält fest, dass
einige Bürger dagegen Klage führten. Am 26. März 1792 wurde die Erlaubnis
erteilt. Gemeinsame Hutweide wurde damit zu Mähwiese, von der jeder sein eigenes Futter
holte.

Vierzig Jahre später schlug sich das in den Preisen nieder. Als das Statistische
Landesamt 1833 einen Fragebogen ins Dorf schickte, kostete der beste
Morgen Acker 200 Gulden – der beste Morgen Wiese aber 250. In einem
Dorf, das von Viehzucht und Ochsenmastung lebte, war Futter mehr wert als Brotgetreide.

Von 1790 an führte der Bünzwanger Pfarrer sein Totenbuch nicht mehr als Fließtext, sondern als Tabelle – mit zwei Spalten, die es vorher nicht gab: Alter und Todesart. Damit lässt sich zum ersten Mal sagen, woran die Menschen hier starben.

Die Antwort ist bedrückend eindeutig: Es starben vor allem Kinder. Im Jahr 1801 waren alle sechs Verstorbenen Säuglinge – zwei Tage, zehn Tage, vierundzwanzig Tage, sechs Wochen, sechs Monate und neun Monate alt. In den übrigen Jahren sieht es kaum anders aus.

Die häufigste Angabe lautet Fraisen – Krämpfe, das damalige Wort für etwas, das man nicht genauer benennen konnte. Daneben stehen Auszehrung, Gichter, hitzige Krankheit. Bei alten Menschen notierte der Pfarrer Nachlaß der Natur.

JahrKrankheitTote
1792Blattern (Pocken)1 Kind
1797Blattern4 Kinder in drei Wochen
1798Scharlachfieber2 Kinder
1802Blattern und „rothe Flecken“9 Kinder in vier Monaten

In den 1790er und 1800er Jahren zog viermal eine Kinderseuche durch das Dorf. Dreimal waren es die Blattern – Pocken. Die Impfung, die Edward Jenner 1796 beschrieb, erreichte Württemberg erst nach dem letzten dieser Züge.

1802 war das schwerste Jahr. Zwischen März und Juni starben neun Kinder; sechs an Pocken, drei an rothen Flecken – vermutlich Scharlach oder Masern. Eine einzige Familie verlor in diesen vier Monaten drei Kinder, im Alter von fünf, sechs und einem Jahr.

Die Seuche machte an der Markungsgrenze nicht halt: In Bünzwangen starben die Kinder im März und April 1797, im benachbarten Albershausen erst im Juni und Juli desselben Jahres. Man kann der Krankheit beim Wandern zusehen.

Und doch wuchs das Dorf weiter. Selbst 1802 wurden mehr Kinder getauft als begraben – zwanzig gegen neunzehn. Nur ein einziges Jahr dieser Reihe schließt negativ: 1796, mit zehn Taufen und zwölf Sterbefällen, ganz ohne Epidemie.

Woran die Menschen starben

Wer im Dorf ein Amt hatte

Dieselben Register nennen bei erwachsenen Verstorbenen und bei den Eltern
der Brautleute nicht nur den Beruf, sondern auch das Amt. Daraus lässt
sich für eine einzige Generation nahezu die vollständige Führungsschicht des Dorfes
zusammenstellen.

belegt Name Amt
1793 Michael Krauß Heiligenpfleger
1795 Michael Gschwind Kirchendiener
1795 David Hummel Richter
1796 Johann Georg Falkenstein Unterpfleger
1797 Johann Georg Unterkircher Richter
1803 Johann Georg Falkenstein Anwald und Unterpfleger
um 1805 Johannes Dannenmann Schulmeister
1822 Georg Roos Gemeindepfleger
bis 1837 Johann Georg Unterkircher Schultheiß
bis 1862 Johann Georg Schöllkopf Schultheiß
1862–1865 Matthäus Stohrer Schultheiß
seit 1866 Johann Georg Roos Schultheiß
vor 1920 Christian Roos Schultheiß

Die Namen sagen etwas über das Dorf: Falkenstein – dieselbe
Familie, aus deren Schultheißensiegel die Krone im Ortswappen stammt – stellt den
Anwald, Hummel den Richter, Roos den Gemeindepfleger.
Zwei Generationen später sind Falkenstein und Roos die Schultheißen. Die Ämter
blieben in wenigen Familien.

Zwei Einträge fallen aus dem Rahmen. Johannes Dannenmann erscheint um
1805 als Schulmeister – ein Name, der in der Schulgeschichte des
Dorfes bisher fehlte; zwischen Urban Werner (1631–34) und dem 19. Jahrhundert war
niemand namentlich bekannt. Und bei Michael Gschwind, dem Kirchendiener,
erlaubte sich der Pfarrer 1795 das einzige persönliche Urteil des ganzen Bandes: Er nennt
ihn „unser braver Kirchendiener“. Gschwind starb mit siebzig Jahren nach einem
Sturz.

Die Schultheißen des 19. Jahrhunderts

Die Familienregister nennen das Amt beiläufig, in
der Berufszeile des Hausvaters oder in den Elternzeilen – man muss es dort suchen.

Johann Georg Unterkircher (1783–1837) führte das Amt bis zu seinem
Tod. Johann Georg Roos (1825–1910) steht im Register mit dem Zusatz
„Schultheiß seit 1866″, und sein Sohn Christian Roos
(1860–1920) wird als „Bauer hier u. Schultheiß“ geführt –
Vater und Sohn nacheinander im selben Amt.

Und die Ämter blieben nicht nur in den Familien, sie heirateten auch ineinander. Die
Frau des Schultheißen Roos war eine Tochter des Schultheißen Unterkircher; ein Sohn des
Unterkircher nahm die Tochter des Schultheißen von Hattenhofen.

Eine fast lückenlose Reihe

Zwischen 1837 und 1920 lässt sich die Reihe der Bünzwanger Schultheißen inzwischen fast
geschlossen benennen. Johann Georg Schöllkopf (1798–1862), zuvor
Gemeindepfleger, starb am 21. November 1862 im Amt. Noch im selben Jahr übernahm
Matthäus Stohrer – im Register steht bei ihm knapp: „seit 1862
Schultheiß. † 22. Dec. 1865.“
Auch er war vorher Gemeindepfleger, und die beiden
waren verschwägert. Nach seinem Tod folgte 1866 Johann Georg Roos.

Das Amt wanderte innerhalb weniger verschwägerter Familien weiter
– und mehrfach vom Gemeindepfleger zum Schultheißen. Drei Söhne des Schultheißen
Stohrer wanderten 1865, 1866 und 1868 nach Amerika aus.

Auch diese Lücke ist inzwischen geschlossen. Im Taufbuch von Albershausen steht
Schöllkopf von 1834 bis August 1837 als Gemeindepfleger Pate – am
24. März 1838 erstmals als „Schultheiß Bünzwangen“. Er folgte also
unmittelbar auf Johann Georg Unterkircher, der am 29. Oktober 1837 gestorben war.

Alle belegten Schultheißen, 1588 bis 1920

Aus den Kirchenbüchern lässt sich die Reihe weit zurückverfolgen. Der Pfarrer nannte
das Amt, wenn der Schultheiß Pate stand, heiratete oder starb – oft nur abgekürzt als
Praetor. Aufgenommen ist nur, wer an mindestens einer Stelle ausdrücklich als
Bünzwanger Schultheiß belegt ist; die Jahre geben die Belege an, nicht immer die ganze
Amtszeit.

Amtszeit (belegt)SchultheißAnmerkung
1588Ulrich Schiegele
1608–1610Hannß Grüebler
1612–1620Michel Schüegelin
1621–1630Michel Schiegelinwohl derselbe wie der vorige
1630–1635Hanns Schiegelin
1635–1642kein Schultheiß genanntdie Jahre, in denen das Dorf im Krieg unterging
1642–1656Michel Grünenwaldtstarb im Amt
1656–1679Hans Schaub
1682–1686Hanß Schmid
1686–1689Jacob Unterkircher
1691–1711Matthäus Schmid
1714–1717Matthes Schenck
1718–1726Jacob Hummelaus seinem Siegel die Sterne im Wappen
1727–1744Johann Georg Falkensteinaus seinem Siegel die Krone im Wappen; starb im Amt. Die Wappenbeschreibung nennt 1726–43
1745–1786Johann Georg Hummelstarb im Amt, 91 Jahre alt
1792–1805Leonhard Zwicker
um 1806Johann Georg Rau„gewesener Schultheiß“
bis 1837Johann Georg Unterkircher
1838–1862Johann Georg Schöllkopfstarb im Amt
1862–1865Matthäus Stohrerstarb im Amt
seit 1866Johann Georg Roos
vor 1920Christian RoosSohn des vorigen

Am 10. April 1815 brach auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien der Vulkan Tambora aus. Asche und Gase kühlten das Klima in weiten Teilen Europas und Nordamerikas ab; 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Chroniken ein. In Württemberg blieb die Ernte weit unter dem Durchschnitt, und im Juni 1817 kostete Getreide das Zweieinhalb- bis Dreifache von 1815.

Wie es in der Gegend aussah, hat der Pfarrer von Albershausen festgehalten – im Taufbuch, in dem damals auch die Bünzwanger Kinder standen. Auf die letzten Seiten schrieb er eine „Wein- u. Fruchtchronik“:

Das Jahr 1816 war ein so totales Mißjahr namentlich auch an Getreide,
daß im folgenden Jahr 1817 nicht nur in Württemberg, sondern in ganz
Deutschland eine Theurung […] unter dem Volk entstand.

Er notierte, was die Dinge kosteten:

1817Preis laut Chronik
1 Scheffel Dinkel15 bis 40 Gulden
1 Scheffel Haber18 Gulden
1 Pfund Zucker6 Gulden 30 Kreuzer

Und er beschrieb, was das hieß:

Die Noth erreichte einen so hohen Grad, daß arme Leute an allerley
Kräutern […]. Man aß sogar Pferdefleisch. Die bettler baten nicht um
1. Stük, sondern um 1. Bissen brod.

Aus öffentlichen Kassen wurde für die Armen gesorgt, „aber es reichte nicht hin“. „Aus Rußland ließ man nach Würtemberg für mehrere Millionen f. Waizen u. Gerste kommen.“ Königin Katharina gründete 1817 einen Wohltätigkeitsverein, der die Hilfe im ganzen Land ordnete.

Im Totenbuch von Albershausen ist 1817 bei keinem Toten Hunger als Ursache genannt. In Bünzwangen starben in diesem Jahr fünf Menschen – weniger als 1816 mit acht und 1818 mit dreizehn.

Die Ernte von 1817 war gut, und der Pfarrer schreibt, wie sie gefeiert wurde: Die Fruchtwägen fuhren „mit blumen bekränzt … unter Dankliedern in die Scheunen“. Aus der Not entstanden Einrichtungen, die es bis heute gibt: 1818 das erste Landwirtschaftliche Fest auf dem Cannstatter Wasen – der Ursprung des Volksfests – und die landwirtschaftliche Anstalt in Hohenheim, die heutige Universität.

Einer ging in den Kaukasus

Im Bünzwanger Familienregister hat das Jahr eine Spur hinterlassen. Bei Philipp Zwicker, geboren 1773, steht:

ausgewandert mit Weib u. Kind 1817 nach Caucasien

Er war nicht allein. Zwischen 1817 und 1819 zogen 2.629 Menschen aus Württemberg nach Georgien, viele von ihnen Pietisten, die das Ende der Zeiten erwarteten; 1818 gründeten sie bei Tiflis acht Kolonien. Ob Zwicker dort ankam, sagt das Buch nicht.

1816/17: Das Jahr ohne Sommer

Als das Dorf nach Amerika aufbrach

Im Familienregister von 1827 steht ein Vorgang, der in keiner Ortsbeschreibung Bünzwangens auftaucht: Über Jahrzehnte hinweg verließ ein erheblicher Teil des Dorfes die Heimat. Die meisten gingen nach Nordamerika.

Dass es übersehen wurde, hat einen einfachen Grund. Die Auswanderung hat im Register keine Spalte. Der Pfarrer notierte sie am Seitenrand, quer über die Kopfzeile, zwischen die Zeilen – oder in der Spalte für die Verehligung, dort wo sonst das Heiratsdatum steht. Wer Geburten und Sterbefälle sucht, liest darüber hinweg. Erst die Durchsicht aller 248 Buchseiten hat das Muster sichtbar gemacht: mindestens 87 Einträge.

JahrFamilieWas im Buch steht
1815ein Neunzehnjährigernach Amerika – nie angekommen
1817Zwicker„nach Caucasien“
1849Maßla (drei Haushalte)„mit Weib u. Kindern
1852Zwickermindestens sieben Personen
1852RommelWitwe mit Tochter und Enkeln
1852–64Blumfünf Personen in drei Schüben
1853Schöllkopf„mit d. ganzen Familie“
1864Borst, Mayerhöfer, Daiberje eine ganze Familie
1865Hummelneun Personen, „d. Immanuel ausgenommen“
1873Falkenstein„aus dem württ. Staatsverband entlassen“
1877–81Unterkircher, StegmaierEntlassung durch Oberamt und Regierung
1892eine Weberfamiliezwölf Kinder

Der erste ging 1815 – und kam nie an. Ein Neunzehnjähriger bekam im Buch eine eigene Seite, ohne Frau und Kinder. Der Pfarrer schrieb erst „zog“, strich es durch und setzte „wanderte“ darüber. Danach steht, kaum noch lesbar, man habe nie wieder Nachricht von ihm erhalten – und etwas von der Überfahrt.

Zwei Jahre später brach eine Familie Zwicker in eine ganz andere Richtung auf: „ausgewandert mit Weib u. Kind 1817 nach Caucasien“. Nicht nach Westen, sondern nach Osten, in den Kaukasus – mehr dazu oben.

Zwei Wellen

Ab 1849 gingen nicht mehr Einzelne, sondern ganze Haushalte. Drei Familien Maßla in einem Jahr, eine davon „mit Weib u. Kindern im März 1849″. 1852 eine Familie Eberhard „mit Weib u. Nachkommenschaft“, 1853 eine Familie „mit d. ganzen Familie“.

Die Familie Blum verlor sich in drei Schüben. Ein Sohn 1852, die Eltern mit einem zweiten Sohn 1857, eine Tochter 1864 hinterher – vier Vermerke auf einer einzigen Buchseite.

Am härtesten traf es einen Haushalt Zwicker: Der Hausvater ging 1852, eine Tochter war „nach Amerika gereist“, und bei vier weiteren Kindern steht viermal untereinander derselbe Satz – „Nach Amerika verreist“. Mindestens sieben Menschen aus einer Familie.

Die zweite Welle setzte in den 1860er Jahren ein. Jetzt gingen häufiger Einzelne, meist Zwanzigjährige – und auffallend oft aus Weberfamilien. Die Handweberei, von der ein großer Teil des Dorfes lebte, brach in diesen Jahrzehnten gegen die Fabrik weg.

Eine Konfirmation wird vorgezogen

Ein Eintrag von 1852 sagt mehr über den Abschied als jede Zahl. Eine Weberwitwe Rommel ging mit ihrer Tochter und den Enkeln nach Nordamerika. In der Konfirmationsspalte eines Enkels notierte der Pfarrer:

21. März 1852 – vor seiner Auswanderung nach Nordamerika

Er zog die Einsegnung vor, damit das Kind sie nicht verpasste.

Ein anderer Vermerk hält fest, wer nicht mitging. Eine neunköpfige Familie Hummel wanderte 1865 aus, „d. Immanuel ausgenommen“ – ein Sohn blieb zurück.

Zuletzt kam die Behörde

In den frühen Jahren schrieb der Pfarrer schlicht „ausgewandert“. Ab den 1870er Jahren steht eine Formel im Buch:

aus dem württembergischen Staatsverband entlassen

Auswandern war genehmigungspflichtig. Wer ging, verlor die Staatsangehörigkeit. Vier Behörden werden namentlich genannt – ein Oberamtsbeschluss von 1873, das Amtsgericht Ulm am 24. Juli 1880, die Regierung in Ulm im Mai 1881, das Oberamt am 3. Februar 1877. Zweimal betrifft es Sechzehn- bis Siebzehnjährige, also das Alter unmittelbar vor der Wehrpflicht.

Der letzte datierte Aufbruch steht im Juli 1892: eine Weberfamilie mit zwölf Kindern.

Was wir nicht wissen

Wohin sie gingen, sagt das Buch fast nie. Achtzig Vermerke nennen nur „Amerika“ oder „Nordamerika“. Zwei Stellen könnten konkreter sein – die eine liest sich als Minnesota, die andere als Ohio –, aber beide Lesungen sind unsicher, und die Handschrift gibt nicht mehr her.

Auch die Zahl 87 ist nur ein Mindestwert. Zwei Bearbeiter haben dieselbe Buchseite unabhängig voneinander angesehen; der eine fand dort nichts, der andere einen klaren Vermerk. Wer auf ein Stichwort hin liest, übersieht Einträge.

Eine Spur führt weiter: Neben einem Eintrag verweist der Pfarrer auf ein eigenes Aktenstück, eine „Auswanderungsakte“ der Gemeinde. Wenn sie erhalten ist, steht darin, was die Kirchenbücher verschweigen – das Zielland und die Zahl der Menschen. Danach wird gesucht.

Am 22. November 1948 schrieb die Gemeinde Bünzwangen einen Bericht über die Kriegsjahre – das Land hatte ihn von allen Gemeinden angefordert. Drei eng getippte Seiten, am Ende der Satz: „Gefertigt nach den Aussagen hiesiger Gemeindebürger.“ Er liegt heute im Hauptstaatsarchiv Stuttgart und ist einsehbar.

Zwei Bomben. Die erste fiel in der Nacht zum 21. Februar 1944 gegen zwei Uhr – kein Zielwurf, sondern offenbar ein Notabwurf von Fliegern, die über dem Ort in einen Luftkampf geraten waren. Sechs Bomben gingen südlich des Dorfes nieder, und der Bericht sagt genau wo: eine im Gewann Kohlgrüb, eine im Sohlhölzle, zwei im Sohl, eine im Reiseneggart und eine als Blindgänger im Faurndauer Hau. Außer großen Trichtern in der Flur gab es Schäden an Obstbäumen und an der Hochspannungsleitung, anderthalb Morgen Tannenwald waren vernichtet, und im Dorf sprangen Fensterscheiben – auch die bleigefassten Scheiben der Kirche. Die zweite Bombe war ein Zielwurf: Am Ostermontag 1945 griff ein Jagdbomber von Norden an, aus Richtung Diegelsberg. Die Bombe streifte den First eines Bauernhauses, durchschlug die Äste der großen Linde zwischen diesem Haus und dem Rathaus und detonierte dadurch verzögert und mit verminderter Wirkung. Splitter beschädigten das Rathaus, die Milchsammelstelle, das Feuerwehrgebäude und ein Wohnhaus.

Gearbeitet wurde bis zuletzt. Der Schulunterricht endete am 6. April 1945. In den Fabriken ging es weiter: Noch am Donnerstag, dem 19. April, arbeiteten Bünzwanger in Uhingen bis 17 Uhr an Teilen für die V2. Am Abend desselben Tages wurde im Dorf aufgeboten, wer Waffen tragen konnte – nach Ebersbach, mit Marschziel Aichelberg.

Der Streit um die Verteidigung. Im Dorf lagen noch deutsche Soldaten, aber keine Kampftruppe: Luftwaffenangehörige in Umschulung, meist ältere Jahrgänge, die zum Infanteriedienst herangezogen werden sollten. Sie waren an Gewehr und Maschinengewehr kaum geübt, hatten keine schweren Waffen und keine Kampferfahrung. Ein Leutnant wollte den Ort trotzdem verteidigen; Schützenlöcher waren schon ausgehoben. Die Einwohner hielten dagegen – und wurden dabei, so der Bericht, mit der Waffe bedroht. Am Ende stand die Vereinbarung: Das Dorf wird kampflos übergeben.

Zwei Bürger gehen nach Uhingen. Am Abend des 20. April 1945 machten sich zwei Bünzwanger mit einer weißen Fahne und einer Vollmacht des Bürgermeisters auf den Weg. An der Butzenbachbrücke trafen sie auf die Amerikaner. Bei der Vernehmung sollten sie vorn auf dem ersten Panzer mitfahren – beim ersten Schuss, der falle, würden sie erschossen. Als sie auf Nachfrage bestätigten, dass die Soldaten im Ort auch Panzerfäuste hätten, wurden die Motoren wieder abgestellt und die Fahrt abgeblasen. Die Nacht mussten die beiden in Uhingen bleiben, ohne Verpflegung. Sie erreichten, dass das Dorf nicht beschossen wurde – unter einer Bedingung: Falle beim Einmarsch auch nur ein Schuss, werde Bünzwangen mit Phosphorgranaten belegt. Es fiel keiner.

Drei Tote im Schlierbacher Wald. In der Nacht zum Samstag kamen dort bei einem Durchbruchsversuch drei deutsche Soldaten um. Sie wurden am Montag geholt und am Dienstag darauf, dem 24. April 1945, unter Anteilnahme des Dorfes und des evangelischen Geistlichen in einem gemeinsamen Grab auf dem Friedhof beigesetzt.

Der Einmarsch. Am Sonntag, dem 22. April 1945, landete ein amerikanisches Artillerie-Aufklärungsflugzeug bei der Turnhalle; das Gelände war als Feldflugplatz vorgesehen, die Häuser ringsum als Quartier vorgemerkt. Es kam dann niemand. Am Nachmittag stiegen drei Amerikaner von Ebersbach herauf und führten die auffindbaren deutschen Soldaten in die Gefangenschaft. Häuser wurden dabei nicht durchsucht, sodass einigen die Flucht gelang. Eine Besatzung oder Verwaltungsstelle wurde in Bünzwangen nicht eingerichtet.

Die Glocke war schon vorher weg. Am 29. Januar 1942 wurde die große Kirchenglocke vom Turm genommen: in die Klasse A eingereiht und zur Waffenherstellung beschlagnahmt, rund 180 Kilogramm schwer.

Der Krieg brachte auch Menschen ins Dorf. Über die Kriegsjahre nahm Bünzwangen 30 bis 40 Ausgebombte auf – aus Stuttgart, dem Rheinland, dem Ruhrgebiet und der Gegend um Karlsruhe. Zusammen mit den Heimatvertriebenen, die nach 1945 kamen, erklärt das den Sprung in der Einwohnerzahl: 1939 zählte Bünzwangen 499 Menschen, 1945 waren es 596 und 1950 bereits 763.

Und die, über die der Bericht kaum spricht

In Bünzwangen lebten während des Krieges polnische Zwangsarbeiter und französische Kriegsgefangene. Sie waren nicht freiwillig hier. Die Chronik von 1948 erwähnt sie in einem einzigen Satz, und zwar am Ende, als es um die Zeit nach dem Einmarsch geht: Man habe „nur unter Plünderung der Polen zu leiden“ gehabt, die Franzosen hätten „schlimmere Ausschreitungen verhütet“.

Mehr steht dort nicht. Was diesen Menschen in den Jahren davor widerfahren ist, wer sie waren, wo sie untergebracht und für wen sie gearbeitet haben – davon schweigt der Bericht. Wir geben den Satz wieder, weil er zur Quelle gehört, und schreiben dazu, was er verschweigt. Wenn jemand dazu etwas weiß, würden wir es gerne erfahren.

Quelle: Chronik der Gemeinde Bünzwangen vom 22. November 1948. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, J 170 Bü 6 und die Zweitschrift J 170 Bü 94 – Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek. Der Bericht nennt auch die Namen der beteiligten Bünzwanger; wir geben sie hier nicht wieder – sie stehen in der Quelle. Beim Datum der Beisetzung verschreibt sich der Bericht: Er nennt den 24.3.1948, doch das war ein Mittwoch. Der 24. April 1945 war ein Dienstag und fügt sich in die übrige Abfolge, deren Wochentage alle stimmen.

Die letzten Kriegstage 1945

Vom eigen­ständigen Dorf zum Stadtteil

Über drei Generationen stellte eine Familie den Schultheißen: Johann Georg Roos war es von 1866 bis 1900 und galt als der tüchtigste, den das Dorf hatte – ihm zu Ehren pflanzte die Bürgerschaft die „Roosenlinde“ an der Turnhalle. Sein Sohn folgte ihm von 1900 bis 1916, und Eugen Roos war von 1926 bis 1945 der letzte Bauernschultheiß Bünzwangens.

Am 1. Januar 1975 wurde Bünzwangen gemeinsam mit dem Teilort Weiler nach Ebersbach an der Fils eingemeindet. Der Gemeinderat verabschiedete sich am letzten Tag der Eigenständigkeit, dem 31. Dezember 1974, mit der Pflanzung einer Gedächtniseiche. Heute leben rund 2.030 Menschen hier (Stand 7. Juli 2025). Die Gemarkung wird im Norden von der Fils und der B 10 begrenzt, im Westen liegt Sulpach, im Osten Albershausen; nach Süden schließen ausgedehnte Waldflächen an.

Nach Tagen mit Dauerregen, der weite Teile Süddeutschlands unter Wasser setzte, zogen am Abend des 2. Juni 2024 schwere Gewitter mit Starkregen über den Raum Stuttgart und das Filstal. Gegen 20:15 Uhr traf das Unwetter Ebersbach, am schwersten Bünzwangen, Sulpach, Weiler und Roßwälden. Der Bünzwanger Bach überflutete das Tal: Innerhalb von Minuten schoss eine Flut aus Wasser und Schlamm durch die Straße Im Tal und die angrenzenden Straßen.

Braunes Hochwasser strömt durch eine Straße in Bünzwangen, ein Auto steht im Wasser
Die Flut am 2. Juni 2024.

Viele Familien verloren in dieser Nacht einen großen Teil ihres Hab und Guts. Die Bünzwanger Feuerwehr war mit weiteren Wehren, dem THW und dem DRK die ganze Nacht und die folgenden Tage im Einsatz. Sie pumpten Keller leer, räumten Häuser aus und brachten Anwohner in Sicherheit. Um 22:38 Uhr stellte das Landratsamt eine außergewöhnliche Einsatzlage fest. In Ebersbach waren Bünzwangen und Sulpach am schwersten getroffen.

Am folgenden Samstag, dem 8. Juni, räumten über 40 Freiwillige Schlamm und zerstörten Hausrat aus den Häusern Im Tal. Im Backhaus wurden rund 300 Pizzen gebacken und an Betroffene und Helfer verteilt.

Eimer und Wannen voller Schlamm nach dem Aufräumen
Beim Aufräumen: Eimer voller Schlamm aus Kellern und Häusern.

Die Dorfgemeinschaft rief zusammen mit dem Ortschaftsrat zu Spenden auf. Geld kam über eine Online-Sammlung, eine Waffelaktion des Kinder-Kreativ-Clubs, den Spendenlauf der Grundschule, einen Lauf am Raichberg-Schulzentrum und ein Benefizspiel. Ein gemeinsames Spendengremium verteilte es. Bis August 2024 gingen rund 50.000 Euro an 25 stark betroffene Haushalte. Manche konnten erst gegen Jahresende in ihre Wohnungen zurück.

Die Stadt ließ das Ereignis von Ingenieurbüros aufarbeiten und stellte im November 2024 erste Vorschläge für den Hochwasserschutz vor.

2. Juni 2024: Die Flut

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